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Wie entsteht Endometriose? Ursachen und Risikofaktoren

Wie entsteht Endometriose? Die wichtigsten wissenschaftlichen Theorien, genetische und hormonelle Risikofaktoren — und was nachweislich NICHT die Ursache i

Wie entsteht Endometriose? Die ehrliche Antwort: Wir wissen es noch nicht vollständig. Aber Forschung der letzten Jahrzehnte hat mehrere überlappende Erklärungsmodelle hervorgebracht, die zusammen ein zunehmend klareres Bild ergeben. Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Theorien, Risikofaktoren — und gleich wichtig: was Endometriose nachweislich nicht verursacht.

Für die Grundlagen lies Was ist Endometriose. Für Symptome Endometriose Symptome. Wenn du dich fragst, ob du betroffen sein könntest, hilft der kostenlose Symptomtest.

Die vier wichtigsten Erklärungstheorien

Keine einzelne Theorie erklärt Endometriose vollständig. Stattdessen interagieren mehrere Mechanismen — deshalb spricht die aktuelle Forschung von Endometriose als multifaktorielle Erkrankung.

1. Retrograde Menstruation

Die älteste und meistzitierte Theorie, erstmals 1927 von John Sampson formuliert: Während der Periode fließt ein Teil des Menstrualblutes rückwärts durch die Eileiter in den Bauchraum, wo sich Endometriumzellen ansiedeln können.

Der Haken: Retrograde Menstruation tritt bei etwa 90 % aller menstruierenden Personen auf — aber nur ein Bruchteil entwickelt Endometriose. Das bedeutet: Sampson’s Theorie ist Teil der Erklärung, aber nicht die ganze Geschichte. Andere Faktoren müssen mitspielen, damit aus retrograder Menstruation tatsächlich Endometriose wird.

2. Genetische Veranlagung

Endometriose läuft in Familien. Wenn deine Mutter, Schwester oder Tante betroffen ist, ist dein Risiko 5- bis 7-fach erhöht. Zwillingsstudien schätzen die genetische Komponente auf etwa 50 %.

Aber: Es gibt kein einzelnes „Endometriose-Gen“. Stattdessen sind mehrere Genvarianten beteiligt, die Entzündungsantworten, Immunfunktion und Hormonrezeptoren beeinflussen. Aktuelle genomweite Assoziationsstudien (GWAS) haben über 40 Genregionen identifiziert, die mit Endometriose-Risiko zusammenhängen.

3. Immunsystem-Dysfunktion

Bei gesunder Funktion sollte das Immunsystem versprengte Endometriumzellen erkennen und entfernen. Forschung zeigt, dass Personen mit Endometriose oft veränderte Immunantworten haben — weniger effektive Beseitigung von Zellen, die nicht dort sein sollten, und eine erhöhte Tendenz zu chronischen Entzündungen.

Diese Immundysregulation erklärt auch, warum Endometriose-Herde nicht nur überleben, sondern aktiv wachsen, Blutgefäße bilden und Schmerzbahnen aktivieren.

4. Hormonelle Einflüsse

Östrogen ist der Treibstoff der Endometriose. Es fördert das Wachstum der Herde und die zyklische Aktivität. Das erklärt, warum die meisten Therapien darauf abzielen, Östrogen zu senken oder dessen Wirkung zu blockieren (siehe Welche Pille bei Endometriose).

Es gibt auch Hinweise auf eine „Östrogen-Resistenz“ in normalem Endometrium von Endometriose-Betroffenen — das heißt, das Gewebe reagiert anders auf Hormonschwankungen als bei Gesunden.

Weitere diskutierte Mechanismen

Neben den vier Hauptmechanismen werden weitere Aspekte erforscht:

  • Stammzell-Theorie: Bestimmte Stammzellen könnten sich in Endometriumgewebe umwandeln, auch außerhalb der Gebärmutter.
  • Embryonale Restzellen: Endometriose-ähnliche Zellen könnten schon im Embryo angelegt sein und später durch Hormone aktiviert werden — erklärt seltene Fälle wie Endometriose bei Trans-Männern oder prä-pubertären Personen.
  • Lymphatische und hämatogene Ausbreitung: Endometriumzellen könnten über Lymph- und Blutbahnen an entfernte Stellen gelangen — erklärt die seltenen Fälle von Endometriose in Lunge oder Zwerchfell.
  • Umweltfaktoren: Studien zeigen mögliche Zusammenhänge mit endokrinen Disruptoren (z. B. Dioxine, bestimmte Pestizide). Die Evidenz ist nicht abschließend, aber wird aktiv erforscht.

Risikofaktoren — wer ist eher betroffen?

Risikofaktoren bedeuten nicht, dass Endometriose verursacht wird — sie bedeuten, dass das Risiko statistisch erhöht ist.

  • Endometriose in der Familie (5–7-fach erhöhtes Risiko)
  • Frühe erste Periode (Menarche vor dem 11. Lebensjahr)
  • Kurze Zyklen (unter 27 Tagen)
  • Lange, starke Menstruationsblutungen
  • Nie geboren zu haben oder spätes Erstgeburtsalter
  • Anatomische Auffälligkeiten, die den Menstrualfluss behindern (z. B. obstruktive Müller-Anomalien)
  • Niedriger BMI ist statistisch leicht assoziiert (Ursache vs. Folge ist aber unklar)

Was Endometriose nicht verursacht

Hier ist die wichtigste Information dieses Artikels: Stress, Lebensstil, schlechte Ernährung oder „falsches Denken“ sind keine Ursachen für Endometriose. Wer dir das suggeriert — ob in der Sprechstunde, in Wellness-Foren oder von wohlmeinenden Verwandten — liegt medizinisch falsch.

Was diese Faktoren können: Symptome beeinflussen. Stress kann Schmerzempfinden verschärfen. Entzündungshemmende Ernährung kann manchen Linderung bringen. Aber das ist Symptommanagement, nicht Ursachenbehandlung.

Diese Klarstellung ist wichtig, weil viele Endometriose-Betroffene über Jahre die Botschaft bekommen, ihre Erkrankung wäre „selbst verschuldet“ — sei es durch zu viel Stress, zu viel Arbeit oder zu wenig Selbstfürsorge. Das ist nicht nur falsch, es ist auch gefährlich, weil es echte medizinische Behandlung verzögert.

Wenn Endometriose in der Familie auftritt

Da Endometriose eine genetische Komponente hat, lohnt es sich bei familiärer Vorbelastung, früher aufmerksam zu sein:

  • Symptome ab der ersten Periode aufmerksam beobachten und tracken
  • Bei starken oder behindernden Schmerzen frühzeitig ärztliche Hilfe suchen
  • Im Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt die familiäre Vorbelastung explizit erwähnen

Eine familiäre Veranlagung ist kein Schicksal — aber sie macht eine frühzeitige Abklärung sinnvoller. Mehr zum Diagnoseweg im Detail-Artikel.

Häufige Fragen

Bekommt man Endometriose durch zu viel Sex oder durch Sex während der Periode?

Nein. Endometriose entsteht nicht durch Sex, weder durch Frequenz noch durch Zeitpunkt. Diese Mythen sind weit verbreitet, aber medizinisch unbegründet. Endometriose ist eine hormonell-genetisch bedingte chronische Erkrankung, die sich unabhängig von sexueller Aktivität entwickelt.

Verursacht die Pille Endometriose?

Nein — im Gegenteil. Die kombinierte Pille (besonders durchgängig eingenommen) wird zur Behandlung der Endometriose eingesetzt. Sie kann Symptome unterdrücken, aber sie verschlimmert die Erkrankung nicht. Wenn nach Absetzen der Pille Symptome auftreten, wurden sie vorher nur maskiert — sie wurden nicht durch die Pille verursacht.

Kann Endometriose durch Tampons verursacht werden?

Nein. Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Tampon-Nutzung und Endometriose. Auch die Theorie, Tampons würden retrograde Menstruation verstärken, ist widerlegt.

Ist Endometriose eine Wohlstandskrankheit?

Nein. Endometriose tritt weltweit in allen Bevölkerungsgruppen auf. Die scheinbar höheren Raten in wohlhabenden Ländern erklären sich durch besseren Zugang zur Diagnostik — nicht durch tatsächlich höhere Erkrankungsraten. In Ländern mit eingeschränktem Zugang zur Gynäkologie ist Endometriose massiv unterdiagnostiziert.

Wenn Endometriose genetisch ist, kann ich vorbeugen?

Aktuell gibt es keine bekannte Prävention der Endometriose selbst. Was du tun kannst: frühzeitig auf Symptome achten, bei familiärer Vorbelastung gezielt nachfragen, ein Symptomtagebuch führen, und bei behindernden Beschwerden zeitnah ärztliche Abklärung suchen. Frühe Erkennung verändert den Krankheitsverlauf signifikant.

Quellen

  1. Zondervan KT, Becker CM, Missmer SA. Endometriosis. N Engl J Med 2020;382:1244–1256.
  2. Sampson JA. Peritoneal endometriosis due to the menstrual dissemination of endometrial tissue into the peritoneal cavity. Am J Obstet Gynecol 1927;14:422–469.
  3. Rahmioglu N et al. The genetic basis of endometriosis and comorbidity with other pain and inflammatory conditions. Nat Genet 2023;55:423–436.
  4. ESHRE. Endometriosis Guideline. 2022.